Gnawa und Hadarad - Eine Seminarreise mit Franziska Tillmanns nach Marokko
Die GNAWA – marokkanische Sufi-Musiker, ihre Musik und ihre Rituale
Spiritualität des Heilens und des Humors
Wenn man eine rasche Auskunft geben will, dann kann man von Trance-Musik sprechen. Allerdings wäre dies zu dürftig, denn hinter dieser afrikanischen Musikkultur verbirgt sich ein ausgeklügeltes und umfangreiches Werte und –Heilsystem. Der Ursprung dieser Tradition liegt in der Versklavung der afrikanischen Menschen und stellt eine der Bewältigungsstrategien dar. Es ist dies eine Strategie des Vertrauens und des Humors. Es ist ein reiches Konzept von Rhythmus und Bewegung, von Farbe und Gerüchen unter Einbeziehung der Geisterwelt, die sich in diesem Falle an die Welt der Djinnen (gesprochen: Dschinnen) wendet. Wenn Sie je Tausend und eine Nacht gelesen haben, dann werden Ihnen die Djinnen vertraut sein. Das waren die Geister, die über Nacht einen Riesenpalast erbaut haben und Prinzessinnen im Nu in ferne Länder trugen. In der muslimischen Welt werden sie als Feuerwesen gesehen mit ebensoviel Realität wie wir als Menschen, nur dass sie eben für uns üblicherweise nicht sichtbar sind. Auch sie haben Hierarchien, Familien und Unterschiedlichkeiten. Es gibt mächtige, edle und es gibt mächtige, böswillige Wesen. Für die Heilbelange werden selbstverständlich die guten Geister gerufen. Ich werde noch auf sie zurückkommen. Bei den GNAWA, so wie ich sie erlebt habe, machen die Männer die Musik und die Frauen halten die Energie. Die Frauen sind die Medien und werden als solche anerkannt. Die GNAWA sind eine der Sufi-Mystik nahe Gruppe. Ihr Weg, ihre TARIQA, wie dies im arabischen Wortgebrauch heißt, ist ein Weg des Heilens, des Humors und der Musik. Von manchen Sufi-Traditionen werden sie nicht im vollen Umfang anerkannt. Jedoch ihr Urahn, Bilal, wird in Zusammenhang mit Mohammeds Tochter Fatima genannt. Er brachte sie mit seinen seltsamen Hüpf-Springbewegungen zum Lachen. Schon hier beginnt sich der Humor als Strategie abzuzeichnen. Diese seltsamen Bewegungen gehören zu den Riten der GNAWA. Wenn Sie die kleinen Trippelschritte in den Bewegungen der GNAWA sehen, dann sollten Sie wissen, dass diese eine Bedeutung haben, denn sie hören förmlich die Ketten klirren, mit denen den Sklaven die Füße gefesselt waren und sie sehen die dicke Kugel, die den Fluss der Bewegung eingeschränkte. Und dennoch, auch hier keine Verherrlichung des Leids, das ihnen widerfahren ist, nein, nur die Erinnerung daran, dass auch wir, ohne jegliche äußere Fessel im Gefängnis unsrer Konzepte leben. Und immer ein heimliches Lachen. Eine Zeremonie beginnt üblicherweise mit der Schächtung eines Tieres, wie es im Islam üblich ist. Die Tiere werden gesegnet und zeremoniell getötet, nicht unbedingt nach dem Geschmack von Tierfreunden, aber doch weit entfernt von Schlachthöfen (wir wohnen diesem Teil der Zeremonie bei). Ein gemeinsames Essen und viel Tee, selbstverständlich sehr süßer Pfefferminztee gehören manchmal dazu. Tee wird immer gereicht und ist immer süß. Dann machen die Männer Musik, anfangs klimpern sie wie absichtslos, sanft und unterhaltsam und dann beginnt sich die Zeremonie zu verdichten. Hauptinstrument sind verschiedene Seiteninstrumente, Trommel und die äußerst verwirrende Kerkaba -große Metallschellen. Letztere ist ein Instrument auf das sich die Kastagnetten zurückführen lassen. Und nun zurück zu den Djinnen, denn diese werden ja gerufen um zu heilen. Dieses System ist kein rächendes, sondern das Unrecht der Versklavung wird mit Transformation beantwortet - nicht mit Rache. Auch die Djinnen können sich entwickeln und die vormals mächtigen und unheilvollen Wesen stellen nun ihre Heilkraft zur Verfügung. Nun werden diese Wesen von den Männern repräsentiert, verschiedene Fürsten der Djinnen werden gerufen, dies zeigt sich in der Wahl der farbigen Gewänder und der Tücher, die den Tanzenden umgehängt werden. Nun kann es Ihnen als Zuschauer geschehen, dass Sie eingeladen werden, sie werden in den Kreis geholt. Und wenn man Ihnen ein hellblaues Tuch über den Kopf legt, dann ist der Fürst des Wassers da. Wenn ihnen ein schwarzes Tuch den Blick nimmt, dann hat man sich an den Fürsten der Wälder gewandt. Rot steht für Blut, dunkelblau für den Himmel und gelb für weibliche spirituelle Energie. Diese Farbe steht auch für eine Heilige der Sufis, für Lalla Mira - sie ist übrigens die Meisterin der Öffnng der Herzen. Immer mehr Personen werden in den Kreis geholt. Immer ekstatischer werden die Schaukelbewegungen. Bewegung im Außen und Stille im Inneren. Wenn Menschen zu Boden sinken, geschieht es immer weich und sie werden mit Rosenwasser bespritzt. Die Frauen halten einander, damit sie in ihrer Ekstase möglichst lange durchhalten können. So wird geheilt.
Hadarad - weibliche Heiltradition der Sufis - Öffnerinnen des Herzens
In meinen Texten finden Sie häufig Anmerkungen zu den Musikergruppen, Hadarad und Gnawa.
Hier finden Sie einiges Wissenswertes darüber.
HADARAD bedeutet Öffnung des Herzens.
Diese Musik kommt aus der Tradition der orientalischen Frauen, man findet nichts Geschriebenes über
diese Gruppe, zumindest nicht in der westlichen Literatur (Im Internet findet man eine ähnliche
Gruppe, die Hadras. Diese sind allerdings eine Männergruppe). Ich kann also nur einen Bericht
verfassen, der auf eigener Wahrnehmung beruht und dem, was ich darüber gehört habe.
Wenn eine Gruppe der Hadarad-Frauen das Haus betritt hört man das ziemlich gut, denn sie lachen und
reden unaufhörlich miteinander. Manchmal konnte ich sehen, dass sie mehrere Schichten von Kleidern
übereinander tragen und also einen ziemlich kugeligen Auftritt haben, oder sie tragen ihr Festgewand,
ihre Kleidung, die für den Auftritt bestimmt ist und ihre Instrumente in großen Beuteln mit sich.
Wirklich beeindruckend ist das natürliche Selbstverständnis, das sie bei der Tür hereinbringen. Kein
Zögern, kein Zaudern. Ein anderes Bild, als wir es hier im Westen von orientalischen Frauen haben.
Selbstverständlich die Art, wie sie ihre Tücher tragen. Selbstverständlich, dass sie in diesem Fall
die Gastgeberinnen sind, auch wenn wir sie in unser Haus eingeladen haben. Ganz klar ist eine der
Frauen die Leiterin. Sie gibt den Ton an, doch immer besprechen sie sich. Eine natürliche, auf
Erfahrung beruhende Hierarchie zwischen ihnen ist sichtbar. Für gewöhnlich arbeiten sie nur für
Frauen, Kinder und geistig kranke Menschen. Wenn ein kleiner Junge in die Jahre kommt und einen
besonderen Blick auf Frauen wirft, dann wird er in die Welt der Männer geschickt.
Bei uns machen sie manchmal eine Ausname.
In dem schönen Riyad, das wir bewohnen gibt es zuerst ein Essen, dann kommen die Hadarad auf die
Terrasse und richten sich ein. Ein Räuchergefäß wird aufgestellt und Rosenwasser in den silbernen
Behältern vorbereitet.
Erwartung breitet sich aus. Trommeln werden über dem Teekessel bewegt. Dann beginnen sie ihre Gesänge,
heilige Gesänge. Zuerst moderat, dann deutlich rhythmischer.
Meist ist es dann Mounia, der gute Geist unseres Hauses, die aufsteht und in die typische Vorwärts und
–Rückwärtsbewegung fällt, der Rhythmus steigert sich, andere Personen gehen in den Kreis, Bewegung,
sowohl innen als auch außen. Die Musik trägt und löscht die Gedanken aus bis alles Rhythmus ist und
das Herz sich öffnen kann.
Wenn jemand einen tiefen Wunsch hat, kann man ihn Mounia mitteilen, sie übersetzt dann und dann singen
die Frauen ganz speziell und wenn eine der Frauen einen Partnerwunsch hat, dann machen sie das
besonders gerne und lachen und freuen sich, so dass unsere westliche Liebe zum Drama schon gleich
einmal verschwindet. Wenn jemand krank ist, dann werden sie teilnehmend, aber niemals wehleidig. Ja,
und dann wird geküsst, denn orientalische Frauen küssen einfach gerne. Und Baraka, der Segen wird
ausgetauscht. Sie geben uns und singen uns den Segen und wir legen unseren Segen in ihre Hände, damit
sie ihr Leben bestreiten können und ihre schöne Tradition weitergeben können.
